Weltklasse-Athlet im Trikot des TSV Udenhausen
  11.05.2020 •     Kreis Hofgeismar , Berichte


Die ältesten Kreisrekorde - Weite von Günter Zeiß im Dreisprung ist unerreicht

Vellmar. Im zweiten Teil unserer Serie über die ältesten Leichtathletik-Rekorde im Kreis Hofgeismar blicken wir heute auf Günter Zeiß. Zeiß hatte 1962 im Trikot des KSV Hessen Kassel als Deutscher Meister den westdeutschen Dreisprungrekord auf 15,78 Meter verbessert. 1967 stellte er seine persönliche Bestleistung von 16,29 Metern auf. Damit zählte er damals zur erweiterten Weltspitze und startete bei sieben Länderkämpfen für den DLV. Am sechsten Mai 1972 setzte Zeiß im Trikot des TSV Udenhausen mit 15,07 Metern eine neue Höchstmarke für den Kreis Hofgeismar, an die in den 50 Jahren seither kein Athlet näher als eineinhalb Meter herangekommen ist. Das größte Potential für eine Rekordverbesserung hatte Jörn Plinke (TSG Hofgeismar), der 2001 als 16-Jähriger 13,26 Meter sprang, danach aber von Verletzungen zurückgeworfen wurde.

Wie kam ein Deutscher Rekordler vom großen KSV Hessen zum kleinen Dorfverein TSV Udenhausen? „Ich stand in Kontakt mit Peter Purkert, Abteilungsleiter Leichtathletik beim TSV. Da ich nach meiner langjährigen Aktivenzeit mein Wissen weitergeben wollte, trug ich dem KSV an, als Übungsleiter tätig werden zu wollen. Doch deren Meinung war, dass ich als Aktiver wichtiger wäre. Also ging ich auf Purkerts Anfrage, ob ich nicht Interesse hätte, auf dem Dorf Trainer zu werden, ein. Unter erschwerten Bedingungen (es gab nur einen Rasenplatz in Udenhausen und eine Aschenbahn in Hofgeismar) bildete sich innerhalb kurzer Zeit eine schlagkräftige Truppe. Wir wurden unter anderem Nordhessenmeister der Männer in der 4x100-Meter-Staffel gegen den haushohen Favoriten KSV Hessen Kassel.“

Als Zeiß in Udenhausen als Trainer anfing, trainierte er nicht mehr leistungsorientiert, bestritt aber noch sporadisch Wettkämpfe. „1972 wollte ich nach zweieinhalb Jahren Trainingspause testen, ob ich noch das Zeug für die deutsche Spitzenklasse habe. Die 15,07 Meter fielen gleich im ersten Wettkampf, einem Sportfest in Gelnhausen. Kurz danach versuchte ich in Kassel den Kreisrekord meines Schützlings Franz Koch zu brechen, was mit 7,21 Metern und zwei Zentimetern Rückstand knapp nicht gelang.“

In seiner Trainingsphilosophie legte Zeiß viel Wert auf koordinative Fähigkeiten, da fast alle Sportler beim TSV Neulinge oder noch sehr trainingsjung waren. „Maximalgeschwindigkeit und Grundlagenausdauer standen im Vordergrund. Serienläufe und Schnelligkeitsausdauer waren für mich erst sinnvoll, wenn diese hervorragend entwickelt waren.“ Ebenso war ihm ein hoher Individualisierungsgrad des Trainings und der Technikentwicklung wichtig. „Wenn die grundsätzlichen Technikelemente stimmten, nahm ich keine Veränderungen mehr vor, weil dadurch oft - so meine Erfahrung – persönliche Stärken reduziert werden.“

Nach drei Jahren war das Kapitel TSV Udenhausen für Zeiß beendet. „Die Zeit beim TSV hat mich als Trainer geprägt. Der Zusammenhalt und die familiäre Situation mit dem umtriebigen Macher Purkert waren wunderbar“. Zeiß kehrte als Trainer zum KSV zurück und war auch Landestrainer im Hessischen Leichtathletikverband. Ab 1989 engagierte er sich dann beim SSC Vellmar wo er bis heute als Trainer tätig ist. „Seit 50 Jahren als Trainer dabei, dafür muss man positiv verrückt sein“.

In der langen Liste erfolgreicher von Zeiß trainierter Sportler stehen neben dem Friedrichsfelder Franz Koch (siehe Teil eins der Serie) die Deutschen Seniorenmeister Dieter Glübert, Klaus Moll und Anke Rümpler. Im Nachwuchsbereich zählten Futzum Kidane, Tobias Machal, Katrin Rahmlow, Joshua Redmond, Sven Eichel und Christopher Hödl zur DLV-Nachwuchsspitze. 6,11-Meter-Weitspringerin Sharin Oziegbe nahm sogar an den Weltjugendspielen in Nanjing teil. Derzeitiges Aushängeschild ist die vierfache Hessenmeisterin im Siebenkampf, Carolin Klupsch. (zah)

 

 

Training

Günter Zeiß erreichte sein Leistungsniveau mit vergleichsweise wenig Trainingseinheiten. Reines Leichtathletiktraining fand nur zwei Mal in der Woche statt. Im Winter standen Ausdauer und Kraft im Vordergrund. Für einen Springer eher ungewöhnlich trainierte Zeiß auch Ausdauerläufe bis zu 20 Kilometern. „Es kam auch vor, dass ich zwei bis drei Mal die Treppenstufen zum Herkules hochsprang und hochsprintete mit Gewichtsweste und bis zu zwölf Kilogramm Zusatzbelastung.“ Kraftraining an der Maschine und mit der Langhantel sowie Sprungläufe standen ebenfalls auf dem Programm. „Hangreißen mit 10x50, 2x8x60, 4x70 und 10x40 Kilogramm war eine besonders heftige Einheit“, erinnert sich Zeiß. . Im Sommer verschob sich der Fokus auf schnelle Sprints, Beschleunigungsläufe und Training der Sprungtechnik. „Ich konnte links und rechts weit springen. Hessischen Jugendrekord sprang ich mit links, meine Bestleistung zehn Jahre später mit rechts. Dazwischen wechselte ich das Sprungbein gelegentlich. Den Dreisprung trainierte ich an der Grube nur selten, weil ich das als zu belastend empfand.“ (zah)

 

Ewige Bestenliste des Leichtathletikkreises Hofgeismar

(s. auch https://hofgeismar.hlv.de/fileadmin/kreise/hofgeismar/Extras/Rekordlisten/EwigeBestenliste.pdf)

 

Dreisprung

15,07 Günter Zeiß 06.05.1972
13,47 Eberhard Cramer 04.06.1978
13,26 Jörn Plinke 10.06.2001
12,55 Erik Hessenmüller 25.09.1991
12,38 Ulrich Schnürer 01.10.1976
12,30 Bülent Bulut 20.05.2000
12,25 Christian Kindler 07.10.1994
12,25 Dimitri Jeske 22.09.1999
12,10 Hendrik Bödige 25.09.1991