"Waldläufe habe ich geliebt"
  07.04.2021 •     Kreis Hofgeismar , Presse


Jochen Steinbrecher feierte viele Erfolge

Hofgeismar/Lexington – Einfach nur geradeaus laufen war nicht seine Sache: Jochen Steinbrecher war über mehr als ein Jahrzehnt hessische Spitze im Hindernis- und Crosslauf. Der Leichtathlet der TSG Hofgeismar feierte seinen größten Erfolg 1992 als Deutscher Amateurmeister im 3000-Meter-Hindernislauf. Von 1984 bis 1999 gewann er neun Hessenmeistertitel. Über 800 und 1000 Meter führt er bis heute die Ewige Bestenliste des Kreises an.
„Im Alter von acht bis zehn Jahren spielten wir nahezu täglich Fußball auf der Straße. Da das nicht allen Nachbarn gefiel drängte meine Mutter meinen Vater, mich doch bald mal in die ASS-Sporthalle zum Training mitzunehmen“, erinnert sich Steinbrecher an die Anfänge. Als Sohn des Leichtathletik-Urgesteins Rudi Steinbrecher war das natürlich die naheliegende Sportart. „Im Rahmen des Schulsportwettbewerbs Jugend trainiert für Olympia war ich auch Teil der Schulmannschaften im Orientierungslauf, Rennrodeln, Skilanglauf und Ski Alpin, aber es war schnell klar, dass ich am meisten Talent für die Leichtathletik hatte. Bis zum Alter von 16 Jahren trainierte ich alle Disziplinen, startete auch im Achtkampf, inklusive Stabhochsprung“.
Schnell zeigte sich, dass Steinbrecher immer dann am besten war, wenn Hindernisse im Weg standen, oder der Untergrund rau wurde. Seinen ersten Hessischen Meistertitel gewann er 1984 im Hürdensprint der M14, 1986 folgte der B-Jugendtitel über 1500 Meter Hindernis, 1988 Gold im Crosslauf der A-Jugend. „Die Hindernisstrecke war meine Lieblingsdisziplin. Am besten für mich wäre allerdings gewesen, wenn die Wettkampfstrecke im Erwachsenenbereich so wie in der Jugend 1500 oder 2000 Meter gewesen wäre“. Doch auch über die 3000 Meter Hindernis reichte die Ausdauer für drei Goldmedaillen auf Landesebene. Auffällig im Crosslauf war die Leichtigkeit, mit der Steinbrecher über schwieriges Geläuf schwebte. „Den Waldlauf habe ich geliebt. Gerne mit Profil, einschließlich der Überraschungselemente bei der Streckenbesichtigung. Tiefe, freigelegene Wiesen oder Pferderennbahnen (wie oft bei Deutschen Meisterschaften) waren weniger mein Fall, da hatte ich dann nicht mehr das Schwebegefühl“
Mit den deutschen Jugendmeistern Erwin Drescher (LG Schwalmstadt) und Martin Schmidt (MT Melsungen) hatte Steinbrecher schon auf Bezirksebene sehr starke Gegner. „Die Konkurrenzsituation war immer Motivation für das weitere Training und gab auch Selbstvertrauen für Meisterschaften auf den höheren Ebenen, da der Bezirk schon ein Topniveau hatte,“ sah Steinbrecher das eher positiv als frustrierend. Bei den Hessischen Juniorenmeisterschaften 1991 über 3000 Meter Hindernis war es dann endlich so weit: In einem begeisternden Finish rang er auf der Zielgeraden erstmals seinen alten Rivalen Drescher nieder und holte den Titel. 1992 wurde er auf dieser Distanz in Erfurt in 9:25,73 Minuten Deutscher Amateurmeister.
1994 sorgte der Hindernisspezialist plötzlich auf den Mittelstrecken für Furore: Kreisrekord über 1000 Meter (2:28,87 Minuten) als Fünfter gegen nationale Top-Konkurrenz beim PSV-Meeting im Auestadion, Sturmlauf zur Bezirksmeisterschaft über 800 Meter (1:54,47 Minuten) und ein weiterer Rekord über 1500 Meter (3:54,84 Minuten) in Menden (2010 von Wurie Bah auf 3:54,17 Minuten verbessert). „1993 hatte ich Achillessehnen-Beschwerden, musste das Rennen bei den Deutschen Meisterschaften im Juli in Duisburg wegen der Schmerzen aufgeben. Es war daher eine bewusste Entscheidung, im Wettkampfjahr 1994 keine Hindernisrennen zu bestreiten, um das Verletzungsrisiko zu verringern“, erklärt Steinbrecher. „Gleichzeitig wollte ich die Chance nutzen spezifischer für die Mittelstrecken zu trainieren.“. 1995 ging er für ein Jahr als Austauschstudent an die University of Illinois in Urbana-Champaign. Sportlich war das ein verlorenes Jahr, denn aufgrund zu harten Trainings zog er sich einen Ermüdungsbruch im Fuß zu. 1996 stand der Studienabschluss im Vordergrund, doch 1997 meldete er sich zurück und holte erstmals in der Männerklasse den Hessischen Meistertitel über 3000 Meter Hindernis. 1998 wechselte Steinbrecher zur Frankfurter Eintracht. Im Adlertrikot holte er noch vier weitere Meisterwimpel.
Die Zeit als Leistungssportler sieht er im Rückblick sehr positiv. „Der Leistungssport hat mich in vielerlei Hinsicht geprägt. Bewegung machte Spaß und das Hochgefühl bei Fortschritten im Erlernen technischer Bewegungsabläufe oder bestimmte Strecken schneller oder mit weniger Mühe zu laufen machten Lust auf mehr und sorgten für neue Motivation. Weiterhin formt der Leistungssport auch die Persönlichkeit insgesamt: Fleiß zahlt sich auf lange Sicht hin aus (jedenfalls wenn man mit Sinn und Verstand trainiert), Zielstrebigkeit, einen „langen Atem“ haben, auch nach Rückschlägen nicht aufgeben und sich wieder nach vorne arbeiten sind allesamt Einstellungen, die auch im Leben insgesamt hilfreich sind. Die Diskussionen mit Trainern und Athleten bei C-Kaderlehrgängen, insbesondere direkt nach dem Mauerfall, eröffneten neue Perspektiven und erweiterten meinen Horizont. Auch später habe ich über den Sport eine Großzahl an Freunden kennengelernt, ohne die das Leben weniger facettenreich gewesen wäre.“
Sportlich aktiv ist Steinbrecher auch heute noch. Er läuft dreimal pro Woche, Ski Alpin und Langlauf stehen im Winter regelmäßig auf dem Plan, Schwimmen und Inlineskating überbrücken ab und an noch auftretende verletzungsbedingte Laufpausen. „Das Leichtathletikgeschehen verfolge ich immer mal wieder. Bei den Boston Indoor Games gibt es einmal im Jahr Weltklasse live in direkter Nachbarschaft zu sehen“.
 

Zur Person: Jochen Steinbrecher (51) kam in Kassel zur Welt und ist in Hofgeismar aufgewachsen.  Nach dem Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar und dem Zivildienst an der Käthe-Kollwitz-Schule studierte er Mathematik in Marburg. Das Studium schloss er 1996 als Diplom-Mathematiker ab. Steinbrecher arbeitet als Risiko-Manager bei State Street, einem amerikanischen Finanzdienstleister mit Sitz in Boston. Er lebt in Lexington (Massachusetts) einer Kleinstadt im Großraum Boston. Steinbrecher ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern, Hannah (16) und Anika (13).
 

Training: Im mehrjährigen Aufbauttraining steigerte Steinbrecher die Trainingsumfänge von drei (13/14 Jahre) allmählich bis auf sieben Trainingseinheiten pro Woche (18/19 Jahre). Wie bei der LG Reinhardswald üblich durchlief er zunächst ein breit angelegtes Grundlagen- und Mehrkampftraining. Die Steigerung kam dann vor allem über laufspezifische Inhalte. Eine Lieblingseinheit war das Fahrtspiel im Wald, bei dem ans Gelände angepasst Tempowechsel nach Gefühl eingebaut werden. Zu den eher ungewöhnlichen Trainingsinhalten zählten Tempodauerläufe über Hindernisse unter Kadertrainer Manfred Letzerich. 4000 Meter Hindernis in Turnschuhen (ohne Wassergraben) nahmen den Respekt vor der Wettkampfstrecke (3000 Meter). Ungewöhnlich war, dass Steinbrecher seine Topleistungen mit im Vergleich zur Konkurrenz niedrigen Trainingsumfängen erreichte. Hier orientierte er sich an seinem sportlichen Vorbild, Olympiasieger Sebastian Coe. „Die Fokussierung allein auf Kilometerumfang war mir zu eintönig; selbst bei Spezialisierung auf Mittel-/Langstrecke ist die Orientierung an den Wettkampfgeschwindigkeiten ganzjährig wichtig. Alles, was man durch bessere Biomechanik und Lauftechnik an Effizienz gewinnen kann, braucht man sich nicht hart durch höhere Leistungsfähigkeit des Herz-/Kreislaufsystems zu erarbeiten. Eine höhere Grundschnelligkeit ist wichtig, um Rennen im Endspurt entscheiden zu können oder um mehr taktische Möglichkeiten bei der Renngestaltung zu haben. Ich wurde leider auch ohne einen hohen Kilometerumfang nicht von Verletzungen verschont – es gab also noch andere Faktoren. Allerdings habe ich auch einige Male erlebt, dass Steigerungen des Trainingsumfangs wie nach Trainingslagern dann Verletzungen nach sich zogen.“

 

Erfolge Jochen Steinbrecher

Persönliche Bestleistungen: 800m (1:54,47), 1000m (2:28,87), 1500m (3:54,84), 3000m (8:43,84), 5000m (14:58,33), 3000m Hindernis (9:01,98)

Deutsche Meisterschaften

Insgesamt acht Teilnahmen bei Deutschen Meisterschaften unter anderem
1988: A-Jugend, 14. 2000 Meter Hindernis
1990: Junioren, 12. 3000 Meter Hindernis
1998: Männer, 11. 4x1500 Meter (mit Eintracht Frankfurt)

Deutsche Amateurmeisterschaften

1992: Deutscher Amateurmeister 3000 Meter Hindernis

Deutsche Hochschulmeisterschaften

1993: 3. 3x1000 Meter (mit Universität Marburg)
1994: 3. 3x1000 Meter (mit Universität Marburg)
1997: 4. 3000 Meter Hindernis

Süddeutsche Meisterschaften

1992: Männer, 4. 3000 Meter Hindernis

Hessische Meistertitel

1984: M14, 60 Meter Hürden
1986: MJB, 1500 Meter Hindernis
1988: MJA, Crosslauf
1991: Junioren: 3000 Meter Hindernis
1997: Männer: 3000 Meter Hindernis
1998: Männer: 4x1500m (mit Eintracht Frankfurt)
1999: Männer: 3000 Meter Hindernis, Crosslauf-Mannschaft, 4x1500 Meter (beides mit Eintracht Frankfurt)

 

Ewige Bestenliste HLV-Kreis Hofgeismar
(s. auch https://hofgeismar.hlv.de/fileadmin/kreise/hofgeismar/Extras/Rekordlisten/EwigeBestenliste.pdf)

800m
1:54,47 Minuten: Jochen Steinbrecher (Männer, 11. Juni 1994)
1:54,72 Minuten: Philipp Bannier (Männer, 23. Juni 2001)
1:55,2 Minuten: Manfred Hoffmann (M19, 5. August 1981)
1:55,5 Minuten: Frank Büchling (M19, 17. September 1983)
1:56,22 Minuten: Simon Schneider (M17, 28. Juni 2018)
1:56,50 Minuten: Wurie Bah (Männer, 24. Januar 2010)
1:57,0 Minuten: Christian Wulff (Männer, 9. Mai 1993)
1:57,8 Minuten: Philipp Becker (M18, 14. Oktober 2000)
1:57,9 Minuten: Rainer Müller (M17, 14. Juni 1975)
1:58,1 Minuten: Jürgen Plaum (26. Juli 1986)

1000m
2:28,87 Minuten: Jochen Steinbrecher (Männer, 25. Mai 1994)
2:31,05 Minuten: Wurie Bah (Männer, 31. Juli 2010)
2:31,4 Minuten: Frank Büchling (M19, 12. August 1983)
2:32,0 Minuten: Martin Vialon (M17, 26. Mai 1977)
2:33,40 Minuten: Philipp Bannier (Männer, 06. Mai 2001)
2:34,10 Minuten: Philipp Becker (M18, 30. September 2000)
2:34,28 Minuten: Christian Wulff (Männer, 01. Mai 1993)
2:34,6 Minuten: Manfred Hoffmann (M19, 14. August 1981)
2:34,8 Minuten: Alexander Humme (Männer, 21. August 1999)
2:36,2 Minuten: Jürgen Plaum (Männer, 03. September 1986)