Sprünge in die Rekordlisten
  27.05.2020 •     Kreis Hofgeismar , Berichte , Presse


Leoni Klocke sorgte in den 70er Jahren für Bestmarken

Dresden Die erste Frau in unserer Reihe der ältesten Kreisrekorde ist Dr. Leoni Häfner. Unter ihrem Mädchennamen Klocke setzte sie 1975 die Bestmarken der Altersklasse W17 im Weitsprung, im Hochsprung, im Fünfkampf und im 100-Meter-Hürdenlauf. 5,72 Meter im Weitsprung (damals auch Bezirksrekord) wurden in den 45 Jahren seither nicht angetastet. Im Hochsprung schaffte es die deutsche Vizemeisterin in der Siebenkampf-Mannschaftswertung, Tanja Schmitt (SV Trendelburg), Häfners 1,70 Meter 2007 zu egalisieren. Für die Hürden ist anzumerken, dass in dieser Altersklasse seit 1988 eine niedrigere Hürdenhöhe gelaufen wird, so dass es nicht mehr so viele Angriffe auf ihre 15,2 Sekunden gibt. Gleiches gilt für den Fünfkampf (3570 Punkte), dieser ist inzwischen durch den Siebenkampf abgelöst. „Ich finde es unglaublich, dass diese Rekorde bis heute nicht gebrochen wurden und es freut mich natürlich sehr“, meint Häfner.

Häfner hatte bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr mit Leichtathletik nichts am Hut. Nach dem Schulwechsel vom Gymnasium in Warburg auf die Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar wurde sie im Sportunterricht „entdeckt“. „Leoni war sehr bewegungsbegabt und turnerisch hervorragend ausgebildet, das waren ideale Grundvoraussetzungen für die Leichtathletik“, erinnert sich Rudi Steinbrecher. Schon 1974 deutete Häfner als Zweite der Hessischen Mehrkampfmeisterschaften hinter der späteren Deutschen 200-Meter-Meisterin Dagmar Schenten (LG Frankfurt) ihr großes Potential an. 1975 kam der Durchbruch. „Die Schnellste war sie nie, aber die Entwicklung in den Sprungdisziplinen war bemerkenswert“, erklärt Steinbrecher den Leistungssprung.

Schon bei den Nordhessischen Meisterschaften in Kassel im Auestadion verbesserte Häfner den Bezirksrekord im Weitsprung auf 5,68 Meter. Eine Woche später kam ihr großer Tag bei den Hessischen Meisterschaften an gleicher Stelle. Als Favoritin in den Wettkampf gegangen, lag Häfner lange nur auf dem zweiten Rang. Im letzten Versuch des Wettkampfs steigerte sie sich auf 5,72 Meter und setzt sich noch mit 16 Zentimetern Vorsprung vor die bis dahin führende Fries von der Sportvereinigung Wiesbaden. Für ihre Nervenstärke hat Häfner eine einfache Erklärung. „Stress oder Druck hatte ich immer wenig, weil ich eher leistungs- als gewinnorientiert war. Insofern konnte ich die Wettkämpfe sehr entspannt angehen.“

Auch bei den Hessischen Mehrkampfmeisterschaften 1975 war sie nicht zu schlagen. Hier stellte sie mit 1,70 Metern den Hochsprungrekord auf. Die LG Reinhardswald hatte damals mit Häfner, Klaudia Böker (Hessische B-Jugendmeisterin im Hochsprung 1975) und Margit Zettl eine sehr starke weibliche Hochsprunggruppe. „Der Fosbury-Flop war noch eine „brandneue“ Sprungtechnik, mit der besonders die Mädchen gut zurecht kamen“, so Steinbrecher.

Krönender Abschluss des Traumjahres waren die Deutschen Mehrkampfmeisterschaften in Hannover, wo sie Zwölfte wurde, wieder mit Bezirksrekord von 3580 Punkten.

Angespornt durch die Erfolge seiner Schwester kam übrigens auch Häfners Bruder, Karl-Josef Klocke, zur Leichtathletik. Seine Hochsprungbestmarke liegt bei 1,85 Metern, aufgestellt 1977.

Obgleich sie mit ihren Leistungen zur hessischen Spitze gehörte, trainierte Häfner fast ausschließlich bei ihren Hofgeismarer Lehrern, Rudi Steinbrecher, Doris Müller und Wilhelm Schmidt. „Ein einziges Mal bin ich zum Leistungstraining nach Frankfurt gefahren.“

Sportlich aktiv ist Häfner heute noch, wenn auch nicht mehr in der Leichtathletik. „Während der Facharztausbildung und auch als die Kinder klein waren, hatte ich relativ wenig Zeit, um Sport zu treiben. Seitdem die Kinder nicht mehr zu Hause sind, spiele ich mit Begeisterung Tennis und bin auch seit einem Jahr in der Mannschaft des TC Blau-Weiß in Dresden.“ Die Zeit als Wettkampfsportlerin hat Häfner geprägt. „Sport und Bewegung hat mir Zeit meines Lebens immer viel Spaß gemacht, ohne geht es für mich nicht. Ich denke, dass der Sport und insbesondere die Bewegung an frischer Luft, auch für die Entwicklung der mentalen Stärke und persönlichen Zufriedenheit ganz wichtig ist. Außerdem führt es ja dazu, dass man auch in sagen wir mal fortgeschrittenerem Alter durchaus noch gut leistungsfähig ist. Ich denke schon, dass die Zeit des Wettkampfsports für die Persönlichkeitsentwicklung ganz wichtig war. Insbesondere führt das sicherlich dazu in bestimmten Situationen die Nerven zu bewahren und persönliche Leistungen abrufen zu können.“

 

Über die Mannschaft zum Einzelerfolg

Wie fast alle erfolgreichen Athleten der LG Reinhardswald sammelte auch Leoni Häfner ihre ersten Wettkampferfahrungen im Bundeswettbewerb der Schulen „Jugend trainiert für Olympia“. Dieser schuf die Grundlagen und den Ansporn für die individuellen Erfolge bei den Verbandsmeisterschaften.

Die Mädchen wurden von der jungen Sportlehrerin Doris Müller – leider schon im Jahr 2018 verstorben - motiviert, die bei der Bildung der Schulmannschaften an der Albert-Schweitzer-Schule Hofgeismar von den Kollegen Wilhelm Schmidt und Rudi Steinbrecher unterstützt und zu ersten Wettkämpfen begleitet wurde.

1970 belegte eine von Müller trainierte Mädchenmannschaft überraschend Platz zwei im Hessischen Landesfinale. Mit Platz eins wäre man im Bundesfinale in Berlin gewesen. Das war die Initialzündung, denn dieses Ziel hatten jetzt auch die Jungen vor Augen. Bei zwei Schul-Sportfesten auf dem Jahnsportplatz anstelle der klassischen Bundesjugendspiele zeigte sich ein großes Talentreservoir, 550 von 750 Schülern der ASS nahmen teil. Müller, Schmidt und Steinbrecher gründeten deshalb 1971 an der ASS Leichtathletik-Leistungsgruppen, das hessische Kultusministerium übernahm die Kosten für Training und Wettkampfgeräte. Der Landkreis unterstützte die Maßnahmen und baute an der ASS eine neue Sporthalle, sie ersetzte die Aula und den noch kleineren Gymnastikraum als Trainingsstätte.

„Es war immer schön, mit der Mannschaft unterwegs zu sein und die Wettkämpfe zu machen, auch die langen Fahrten haben immer sehr viel Spaß gemacht. Meistens hatten wir auch herrliches Wetter an den Wettkampftagen“, blickt Häfner gerne zurück.

1973 und 1974 startete sie für die ASS in den Landesfinals in Frankfurt und Wiesbaden, war 1974 mit 5,48 Metern im Weitsprung eine der Stützen der Mannschaft. Dennoch wurden die Mädchen beide Male „nur“ Zweite, trotz einer Top-Mannschaft in der Gaby Berendes, Kornelia Krohne, Petra Winkler, Andrea Rapp, Anita Gertenbach und Annegret Hartje so gut wie nie zuvor waren, ebenso die Hochspringerinnen Klaudia Böker, Margit Zettl und Elfi Cimiotti.

Einen Tag nach dem 74er-Finale gab es eine Überraschung für die Mannschaft um Häfner. Die 14-Jährigen Jungen besiegten im Kasseler Auestadion alle anderen Mannschaften Hessens und durften sich auf die Flugreise nach Berlin freuen. Die Zweitplatzierten des Vortages bekamen von der Elternspende der ASS und dem Hessischen Kultusministerium eine Freifahrt nach Berlin (per Bus) und konnten vor Ort den Finalsieg der Jungen bejubeln.

 

Zur Person

Dr. Leoni Häfner (61) wurde in Borgentreich geboren. Nach der Grundschule in Borgentreich und zwei Jahren auf dem Gymnasium in Warburg wechselte sie an die Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar und machte dort 1977 ihr Abitur. Sie studierte Medizin in Heidelberg von 1978 bis 1985. Es folge die Facharztausbildung an den Kliniken in Freising, Landshut und Nürnberg. Die Facharztprüfung für Gynäkologie und Geburtshilfe legte sie 1990 in Nürnberg ab und wurde in diesem Jahr in Medizin promoviert. Seit 1992 ist sie verheiratet mit Gilbert Häfner, 1993 und 1995 wurden ihre Töchter geboren. 1993 Umzug nach Dresden, wo sie seither lebt. Seit 1997 arbeitet Häfner als niedergelassene Gynäkologin in ihrer eigenen Praxis.

 

Ewige Bestenliste des Leichtathletikkreises Hofgeismar
(s. auch https://hofgeismar.hlv.de/fileadmin/kreise/hofgeismar/Extras/Rekordlisten/EwigeBestenliste.pdf)


Hochsprung

1,75m Vanessa Grimm (Frauen) 24.06.2017
1,70 Leoni Klocke (W17) 09.08.1975
1,70 Klaudia Böker (Frauen) 08.06.1979
1,70 Tanja Schmitt (W17) 01.09.2007
1,68 Margit Zettl (W18) 25.06.1978
1,66 Birgit Eitner (W19) 25.05.1986
1,66 Miriam Thöne (W16) 22.05.2005
1,64 Carola Dey (W15) 04.07.1979
1,64 Claudia Turtenwald (W15) 10.09.1986

Weitsprung

5,81 Vanessa Grimm (Frauen) 25.06.2017
5,79 Nora Lehnebach (W19) 07.05.2011
5,77 Lilo Zeiß (Frauen) 16.08.1974
5,73 Kristin Sattler (W19) 01.06.1996
5,72 Leoni Klocke (W17) 21.06.1975
5,69 Malin Brietzke (W15) 20.06.2008
5,66 Kerstin Koch (W16) 12.05.1984
5,63 Ulrike Vogt (W16) 05.07.1979
5,52 Birgit Seidel (Frauen) 09.05.1981
5,38 Elfi Cimiotti (W18) 30.05.1978