"Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt"
  12.05.2020 •     Kreis Hofgeismar , Berichte


Interview: Martin Vialon hält noch 16 Kreisrekorde

Oldenburg Im dritten Teil unserer Serie über die Uraltrekorde im Leichtathletikkreis Hofgeismar steht Martin Vialon im Blickpunkt. Der in Schöneberg aufgewachsene Vialon startete für die TSG Hofgeismar und hält heute noch 16 Kreisrekorde. Seine älteste Bestmarke sind die am zweiten September 1973 gelaufenen 6:27,2 Minuten über 2000 Meter der Schüler M13. Herausragende Leistungen erzielte er 1975 (4:31,4 Minuten) und 1976 (4:24,1 Minuten) im 1500-Meter-Hindernislauf, 1977 im 3000-Meter-Lauf mit 8:36,0 Minuten sowie 1978 im 2000-Meter-Hindernislauf in 5:50,4 Minuten. Die als 15-Jähriger aufgestellte 1500-Meter-Hinderniszeit ist schneller als die offizielle Deutsche U16-Bestleistung. Vialon gewann von 1974 bis 1978 zehn Hessische Schüler- und Jugendmeistertitel sowie die Deutsche Vizemeisterschaft im 2000-Meter-Hindernislauf.

Obgleich Professor Vialon mit der Organisation seiner Vorlesungen, die im Sommersemester aufgrund der Coronapandemie online gehalten werden, stark ausgelastet ist, stand er uns für ein Interview zur Verfügung.

Wie bist du zur Leichtathletik gekommen, wer hat dich entdeckt?

Regelmäßige Bewegung wurde von meinen Eltern früh gefördert. Im Kindesalter nahm ich durch ausgedehnte Wanderungen und Läufe die Erkundung des Reinhardswaldes und der Diemel-Berge vor. Mit zehn Jahren trat ich in die Turnabteilung der TSG Hofgeismar ein, wo Friedhelm Schildknecht mein Lauftalent erkannte und mich an die von Rudi Steinbrecher 1971 gegründete Schüler-Leichtathletikgruppe vermittelte.

Wer hat dich trainiert?

Rudi Steinbrecher, mit dem mich eine enge Freundschaft verbindet. Rudi war nicht nur Trainer, sondern auch mein Gesellschaftskunde- und Sportlehrer. Er hatte die LG Reinhardswald als Zusammenschluss verschiedener Leichtathletikabteilungen des Altkreises aufgebaut und das vom Hessischen Kultusministerium geförderte Modellkonzept zwischen Schul- und Vereinssport entwickelt. Einige Jungen- und Mädchenmannschaften der ASS und GHS konnten beim Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ in den 1970er Jahren mehrere Bundessiege erringen. Auf Landesebene wurde ich vom sensiblen Sportpädagogen Michael Birkelbach betreut. Im Kellerwald und Vogelsberg fanden Trainingslager statt, wo auf weichem Nadelgrund die Steigerung aerober Schnelligkeitsausdauer durch „Fahrtspiele“ erfolgte. Auf Bundesebene war der raubeinige Rolf Burscheid als DLV-Trainer für mich zuständig, der zu hohe Belastungen abverlangte, in deren Folge mich oft schmerzliche Achillessehnenentzündungen plagten.

Neben zahlreichen Laufrekorden hältst du auch den Hochsprungrekord der Altersklasse M14. Wie kam es dazu, dass ein Läufer hochspringt?

Wie alle Hofgeismarer Leichtathleten hatte ich die vielseitige Bewegungsausbildung im Werfen, Laufen und Springen erhalten, so dass ich auch ein guter Fünfkämpfer wurde. Mit 14 Jahren sprang ich beim Bundesfinale im Berliner Olympia-Stadion 1,75 Meter hoch, steigerte mich um 18 Zentimeter und konnte Siggi Wentz besiegen, der 1984 die Olympia-Bronzemedaille im Zehnkampf gewann. Großen Anteil hatte mein Betreuer Wilhelm Schmidt, dessen geschultes Auge feinste Stilkorrekturen festhielt. Ohne Schmidts präzise Bewegungsanalysen wäre die Leistungsexplosion nicht möglich gewesen!

Bis 1980 bist du im LGR-Trikot gelaufen, wie ging es danach sportlich weiter?

Während meiner Bundeswehrzeit startete ich für die LG HNF, wurde 1982 Hamburger Cross-Meister (Mittelstrecke) und lief meine Bestleistungen, von denen einige als Vereinsrekorde gelten: 800 Meter: 1:53,8 Minuten, 1000 Meter: 2:27,1 Minuten, 1500 Meter: 3:51,4 Minuten, 3000-Meter-Hindernis: 9:03,4 Minuten. Bei einem Crosslauf im Frühjahr 1983 startete ich für die LG Göttingen und konnte Torsten Tiller bezwingen, der 1984 Deutscher Meister über 3000-Meter- Hindernis wurde.

Welchen deiner Rekorde siehst du persönlich als deine beste Leistung an. Hast du noch Erinnerungen an den Wettkampf bei dem diese Leistung erzielt wurde?

An alle Rekord- und Meisterschaftsläufe kann ich mich genau erinnern. Die Deutsche Jugend-Vizemeisterschaft im 2000-Meter-Hindernis-Lauf von 1978 war mein größter Coup.

Wichtig sind nicht die äußeren Erfolge, sondern der innere Weg dorthin. Ich wollte aufs Gymnasium, um meine Wissensneugierde zu befriedigen; der Schulwechsel gelang und ermöglichte, dass ich mit meinen Teamkameraden weiterhin am Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ teilnahm. Meine Leistungsfächer Biologie und Sport reflektierten kritisch den eigenen Bildungsprozess. Im Rahmen der Sporttheorie lasen wir bei Wilhelm und Rudi soziologische Texte von Christian Graf v. Krockow, Kurt Lenk und Adorno, oder behandelten bei Dr. Edgar Drechsel-Grau den Zitronensäurezyklus, dessen Funktionsweise jeder Wettkampf durch muskuläre Übersäuerung demonstrierte.

Bevor ich 1977 in Göttingen 8:36,0 Minuten über 3000 Meter lief, hatte ich mit dem befreundeten Läuferehepaar Angelika und Jürgen Stephan sehr lange Dauerläufe (bis 35 Kilometer) im Reinhardswald absolviert. Der Genuss der schönen Landschaft, die im Sonnenlicht glitzernde Farbenpracht der Flora und Fauna, ein abspringender Hirsch am Wegesrand oder der modrige Geruch des Waldes nach einem Sommerregen verschmelzen beim Laufen zu einem stimulierenden Glücksgefühl, das einzigartig ist.

Unvergesslich ist auch folgende Geste: Als ich 1977 im Frankfurter Waldstadion Hessischer Meister über 2000m Hindernis (5:56,6) wurde, kam Harald Schmid (Europameister über 400-Meter-Hürden) zum Zieleinlauf geeilt und hatte mir zur beidseitig gleich guten Hindernistechnik und dem neuen Hessischen Jugendrekord gratuliert. Das fühlte sich an wie ein Ritterschlag, wodurch einst der Knappe in den Kreis geadelter Gesellschaft aufstieg. Selbstdisziplin, Charakterfestigkeit, Willenskraft, Ausdauer, Freiheitsgefühl und Toleranz, die der Sport als spielerischer Agon befördert, sind meine Grunderfahrungen, die ich ins spätere Leben integrierte.

Wie findest du es, dass die Rekorde so lange gehalten haben?

Nichts ist in der vom Menschen geschaffenen Welt für die Ewigkeit bestimmt. Es ist erstaunlich, dass fast alle Rekorde über 45 Jahre unangetastet blieben. Solch ein Phänomen ist Bestandteil des Kulturwandels: Gesteigerter Bewegungsmangel junger Menschen verweist auf die Vernachlässigung körperlich-sinnlicher Erziehung und trägt zum Verlust kreatürlicher Erlebnisfähigkeit bei. Aber im Sport wird es stets Ausnahmefiguren geben, weil alle Kulturleistungen auf individuellen Fähigkeiten, freiwilliger Askese und gezielter Trieblenkung beruhen. Die Sportsoziologie zeigt, dass sich auf der intakten Basis des Breitensports erstklassige Einzelleistungen entwickeln. Talentförderung ist wichtig, weil sportliche und kulturelle Resultate auf dem Synergieeffekt verschiedener Akteure und günstiger Augenblicke beruhen: Tempus fugit.

 

Zur Person

Martin Vialon wurde am 13. Mai 1960 in Eberschütz geboren und ist in Schöneberg aufgewachsen. Nach der Mittleren Reife (Gustav-Heinemann-Schule Hofgeismar, 1977) und dem Abitur (Albert-Schweitzer-Schule Hofgeismar, 1980) verpflichtete er sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr (Reserveoffizier). Er studierte in Göttingen und Marburg und schloss das Studium 1996 mit dem Magister Artium ab. Im Fach Germanistik wurde er 1998 promoviert und habilitierte sich 2011 im Fach Philosophie. Es folgte die Berufung an die Yeditepe University (Istanbul), wo er 13 Jahre lehrte. Seit 2014 ist er an der Carl v. Ossietzky Universität Oldenburg tätig und seit 2015 mit seiner Schöneberger Jugendliebe Martina (geb. Menke) verheiratet. (zah)

 

Training

Mein gezieltes Lauftraining verlief nach HLV- und DLV-Plänen und bestand aus dreiwöchigen Intensitätszyklen (leicht, mittel, hart). Im Alter von 17 Jahren bestand im Frühjahr eine harte Woche aus sieben bis acht Trainingseinheiten: vier Dauerläufe zwischen zwölf und 20 Kilometern (Schnitt: 4:00-4:45 Minuten/Kilometer, danach 3x100m Steigungsläufe), langes und kurzes Fahrtspiel (Minutenbelastungen: beispielsweise 3, 5, 7, 4, 2 oder 10x1 auf dem Rasen) sowie Wiederholungs- und Tempoläufe auf der Bahn: 10x400 Meter in 65 bis 70 Sekunden oder 300m (45 Sekunden), 600 Meter (1:40 Minuten), 1200 Meter (3:20 Minuten), 400 Meter (62 Sekunden) und 200 Meter (28 Sekunden) mit kurzen Pausen, so dass ein Umfang von etwa 120 Kilometern in der Woche heraus kam. (zah)

 

Ewige Bestenliste des Leichtathletik-Kreises Hofgeismar
(s. auch https://hofgeismar.hlv.de/fileadmin/kreise/hofgeismar/Extras/Rekordlisten/EwigeBestenliste.pdf)

 

3000 Meter

8:36,0 Martin Vialon 14.08.1977
8:36,42 Wurie Bah 29.01.2011
8:43,84 Jochen Steinbrecher 08.07.1990
8:46,43 Bastian Mrochen 16.02.2020
8:48,20 Jürgen Plaum 07.07.1986
8:48,20 Simon Schneider 15.02.2020
8:56,8 Dirk Berger 05.09.1990
9:06,97 Max Fuchs 06.02.2019
9:18,52 Peter Dallmann 09.09.2009