Mit dem Adler auf der Brust
  16.06.2020 •     Kreis Hofgeismar , Berichte


Manfred Hoffmann startete als erster LGR-Athlet im Nationaltrikot

Hofgeismar - Unser heutiger Uraltrekordler, Manfred Hoffmann, hatte eine beeindruckende Leichtathletikkarriere, die über 20 Jahre umspannte, mit der Berufung in die Junioren-Nationalmannschaft als Höhepunkt. Er trug als erster Athlet der LG Reinhardswald bei zwei Länderkämpfen das Nationaltrikot.

Schon früh zeigte Hoffmann, der für die TSG Hofgeismar startete, eine beachtliche Bandbreite in seinen Leistungen. Als 13-Jähriger lief er 6:32 Minuten über 2000 Meter und stellte einen (inzwischen verbesserten) Kreisrekord im Hochsprung auf. Am 22. Mai 1976 setzte er in 11,6 Sekunden die Kreisbestmarke über 100 Meter der Schüler M14, die heute noch besteht und platzierte sich als 30. in 2:47,0 Minuten über 1000 Meter in der deutschen Schülerbestenliste.

Schon ein Jahr später wurde er mit 50,0 Sekunden über 400 Meter als Vierter der deutschen B-Jugendbestenliste notiert. Noch bemerkenswerter sind seine im gleichen Jahr erzielten 1:56,7 Minuten über 800 Meter. Als Einordnung mag dienen, dass diese Zeit bei vier der letzten fünf deutschen U16-Meisterschaften zum Titel gereicht hätte.

Aber Hoffmann war keine „Eintagsfliege“ und den U16 Rekorden sollten noch zahlreiche Bestmarken folgen. 1978 verpasste er bei der U20-DM in Göttingen trotz der Steigerung auf herausragende 49,47 Sekunden über 400 Meter gegen bis zu zwei Jahre ältere Konkurrenz knapp den Endlauf. In diesem Jahr brachte er es auf sieben Nennungen in der DLV Jahresbestenliste der U18 unter anderem als Zweiter über 400m, aber auch im Hürdensprint (18.) und über 300 Meter Hürden (7.)

1979 gab es den ersten Hessenmeistertitel. Über 400-Meter-Hürden setzte sich Hoffmann in 53,99 Sekunden an die Spitze. Einziger Wermutstropfen war das erneute aus im Halbfinale der DM.

1980 gelang dann endlich der Sprung in den Endlauf. Bei den Deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften in Düsseldorf sprintete Hoffmann über 400 Meter in 50,06 Sekunden auf Rang vier. 1981 wurde noch besser. Hoffmann setze Rekordmarken der M19 über 400 Meter (48,4 Sekunden), 400-Meter-Hürden (53,2 Sekunden) und 800 Meter (1:55,2 Minuten). Hoffmanns großes Potential blieb auch den Bundestrainern Thieß und Krüssmann nicht verborgen. Fünf Jahre, von 1979 bis 1984, gehörte er dem C-Kader Langsprint des DLV an. 1981 wurde Hoffmann für die Länderkämpfe gegen Großbritannien in Oldenburg (400-Meter-Hürden) und gegen Polen in Lodz (4x400 Meter) ins deutsche Aufgebot berufen. Auch für die Junioren-EM in Utrecht war er bereits nominiert und eingekleidet, aber dann machte ihm eine Achillessehnenverletzung einen Strich durch die Rechnung und er konnte nicht antreten. Nach einer Achillessehnen-OP 1982 wechselte Hoffmann zur LG Baunatal/ACT Kassel. „Mit Wolfgang Schierer, Frank Bialluch und John Barz hatte ich dort die Möglichkeit ein starkes Staffelteam zu bilden“. In dieser Zeit lief er 1:52 Minuten über 800 Meter.

Fragt man Hoffmann, welche seiner Leistungen er als seine besten einschätzt, blickt er nicht zuerst auf seine Spezialdistanzen. „Im Rückblick freut es mich besonders, dass ich als Langsprinter auch in den Kurzsprints über 100 Meter unter 11 und über 200 Meter unter 22 Sekunden geblieben bin“.

1987 kehrte Hoffmann zur LGR zurück und war Teil einer „goldenen Generation“ mit Rüdiger Kepper, Frank Waldherr, Frank Kirchner, Mark Koch und Hans-Martin Helbich. Die Kreisrekorde über 4x100 (42,2 Sekunden) und 4x400 Meter (3:17,9 Minuten) wurden in dieser Zeit gesetzt, am 4x4-Rekord war Hoffmann beteiligt. Bis in die 90er zählte er zu den besten Viertelmeilern in Nordhessen, wurde 1992 noch einmal Bezirksmeister in der Männerklasse und Hessischer Vizemeister bei den Senioren M30.

Hoffmann, der bei Autokühler zum Werkzeugmacher ausgebildet wurde und bis heute bei AKG Thermotechnik arbeitet, ist weiter sportlich aktiv. Regelmäßige Dauerläufe und Mountainbiketouren gehören zum Programm. Viele Jahre engagierte er sich auch als Kinderleichtathletik-Trainer bei der TSG Hofgeismar.

Dass seine Rekorde noch heute bestehen sieht er mit gemischten Gefühlen. „Einerseits ist man schon stolz, dass die Zeiten bis heute stehen, aber man hofft natürlich auch, dass die irgendwann gebrochen werden. Aber wenn man auf den Nachwuchs schaut, hat man leider den Eindruck, dass bei vielen der Biss fehlt. Hinzu kommt, dass die Leichtathletik nicht mehr den gleichen Stellenwert wie früher hat und es heute ein viel breiteres Sportangebot gibt, dadurch gehen der Leichtathletik Talente verloren.“

Während Hoffmanns Rekorde auf der Viertelmeile mit und ohne Hürden sowie der M15-Rekord über 800 Meter noch lange Bestand haben dürften, könnte zumindest der 800-Meter-Rekord in der M19 in Gefahr sein. Mit Simon Schneider (TSV Niedermeiser) und Bastian Mrochen (TSG Hofgeismar) gibt es zwei Kandidaten, denen die Zeit zuzutrauen ist. (zah)

 

Training

Auf die Frage nach seiner härtesten Trainingseinheit kommt Hoffmanns Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Zwölf mal 500 Meter in 75 bis 78 Sekunden mit langen Pausen“. Kenner der Materie können sich schaudernd die exorbitanten Milchsäuremengen und die damit verbundene Schmerzen, die eine solche Einheit im Körper erzeugt, vorstellen. Im Durchschnitt kam Hoffmann in seinen besten Zeiten auf fünf Trainingseinheiten in der Woche, in harten Trainingsphasen wurde täglich trainiert. Das Leben als Teenager und Leistungssportler unter einen Hut zu bringen war nicht immer einfach „Da kam man auch mal am Samstagmorgen um sechs Uhr aus der Disko und musste vier Stunden später im Brunnenpark Tempoläufe absolvieren“, berichtet er mit einem Augenzwinkern. Der Brunnenpark war ein bevorzugtes Trainingsgelände von Hoffmanns Trainingsgruppe. „Frank Büchling war in der Ausbildung bei der Polizei und hat sogar ein Messrad organisiert, mit dem wir alle Runden im Park metergenau vermessen haben“. Das Training auf den Parkwegen hatte auch den Vorteil, dass es schonender für Sehnen und Gelenke war als Tempoläufe im Stadion. „Unser Training war knallhart. Mit dem Wissen von heute wäre vielleicht noch ein bisschen mehr möglich und die ein oder andere Verletzung vermeidbar gewesen, aber die Zeiten sprechen für sich“, blickt Hoffmann ohne Bedauern zurück.

 

Der Blick des Trainers

Spricht man mit Rudi Steinbrecher über Manfred Hoffmann, spürt man heute noch die Begeisterung über eines der größten Talente, das er je trainiert hat. Die Anfänge waren nicht leicht. „Mannis Vater ist gestorben als er zwölf Jahre alt war. Als er 1974 in die Leichtathletik-Leistungsgruppe kam, fand er dort neue Freunde, der Sport gab ihm Halt in einer schweren Zeit.“ Volker Mazassek, Wolfgang Seidel, Volker Pape und Karl-Heinz-Dörigmann sind hier zu nennen, mit denen Hoffmann als vielseitig talentierter Athlet eine gute Fünfkampfmannschaft bildete. Vorbilder waren die zwei Jahre älteren Schüler der ASS, die gerade den Bundeswettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ gewonnen hatten. „Er hat sofort gesagt, da will ich auch hin“. Schon früh erkannte Steinbrecher Hoffmanns hohes Leistungspotential, obgleich dieser mit 13 Jahren die 100 Meter nur in 13,8 Sekunden lief. „Was seinen Weg in der Leichtathletik immer begleitet hat, waren Ehrgeiz und ein nahezu grenzenloser Optimismus. Er hatte Talent, aber einen schlechten Laufstil.“ Der Hinweis Steinbrechers, an der Ausdauer zu arbeiten, wurde konsequent umgesetzt. Hoffmann schrubbte Kilometer im Brunnenpark und 1976 stand ein anderer Athlet auf der Bahn. „Er war kerzengerade aufgerichtet und hatte plötzlich eine riesige Schrittlänge“, schwärmt Steinbrecher noch heute. Und Hoffmann ließ den zwei Jahre zuvor geäußerten Worten Taten folgen. Die Gustav-Heinemann-Schule gewann mit Hoffmann im Team das Bundesfinale 1976. „Wie er da im Olympiastadion vor der Tribüne über die Bahn stürmte und den 100-Meter-Lauf gewann, das war ein Anblick“.

Eine Anekdote lässt Steinbrecher auch heute noch schmunzeln. Beim Sektempfang an der GHS nach dem Bundessieg fragte der Landrat im Überschwang: „Was wünscht ihr euch denn für den Sieg?“ . Hoffmann schaltete am schnellsten„Eine Tartanbahn fürs Angerstadion“, wo es bis dahin nur eine Aschenbahn gab. Willi Kroll, damals Hofgeismars Bürgermeister, zögerte ein wenig, doch dann ließ er sich überzeugen. Das Projekt wurde angegangen und zum Hessentag 1978 hatte das Angerstadion eine Tartanbahn.

„Besonders hervorzuheben ist auch, dass Manni alle Stufen der Leichtathletik durchlaufen hat. Vom Schulsport, über erste Schritte im Leistungstraining auf Bezirks- und Landesebene bis in die Jugend-Nationalmannschaft. Danach zehn Jahre mit Medaillenerfolgen auf Landesebene in der Aktivenklasse und schließlich auch als M30-Senior noch im Einsatz.“

 

Ewige Bestenliste HLV-Kreis Hofgeismar
(s. auch https://hofgeismar.hlv.de/fileadmin/kreise/hofgeismar/Extras/Rekordlisten/EwigeBestenliste.pdf)

400m Hürden

53,2 Manfred Hoffmann (M19, 03.07.1981)
54,04 Michael Pleßmann (Männer, 03.06.1995)
54,4 Frank Büchling (M18, 19.09.1982)
55,44 Wulf Backhaus (M19, 12.06.1993)
56,51 Tim Reitz (Männer, 02.07.2005)
57,33 Hendrik Bödige (M17, 22.06.1991)
57,7 Kai Schindewolf (M18, 16.08.1987)
58,25 Mustafa Hallal (Männer, 13.06.1998)
59,1 Jochen Steinbrecher (Männer, 19.09.1990)
59,3 Thomas Wolf (M19, 28.05.1988)

400m

47,45 Rüdiger Kepper (Männer, 21.06.1987)
48,36 Manuel Dornemann (M18, 06.07.1997)
48,4 Manfred Hoffmann (M19, 31.05.1981)
49,29 Wulf Backhaus (M19, 23.05.1993)
49,6 Frank Büchling (M18, 22.09.1982)
49,6 Michael Pleßmann (Männer, 28.05.1995)
49,96 Johannes Knoth (M18, 01.07.2006)
50,4 Frank Waldherr (Männer, 12.06.1989)
50,5 Philipp Bannier (Männer, 15.07.2001)
50,83 Patrick Ahl (M17, 20.06.2009)

800m

1:54,47 Jochen Steinbrecher (Männer, 11.06.1994)
1:54,72 Philipp Bannier (Männer, 23.06.2001)
1:55,2 Manfred Hoffmann (M19, 05.08.1981)
1:55,5 Frank Büchling (M19, 17.09.1983)
1:56,22 Simon Schneider (M17, 28.06.2018)
1:56,50 Wurie Bah (Männer, 24.01.2010)
1:57,0 Christian Wulff (Männer, 09.05.1993)
1:57,8 Philipp Becker (M18, 14.10.2000)
1:57,9 Rainer Müller (M17, 14.06.1975)
1:58,1 Jürgen Plaum (Männer, 26.07.1986)