Am Neujahrstag zum Training
  10.07.2020 •     Kreis Hofgeismar , Berichte


Sonderprogramm zahlte sich für Wolfgang Seidel aus

Grebenstein - Mit Wolfgang Seidel kommt in unserer Serie über die ältesten Leichtathletikrekorde im Kreis Hofgeismar nach Springern und Läufern erstmals ein Athlet des Disziplinblocks Wurf zu Ehren. Seidel gewann 1977 als Dritter im Speerwurf bei den Deutschen Schülermeisterschaften die erste DM-Medaille für die 1972 gegründete LG Reinhardswald

Seine erste Bestmarke stellte er am 24. September 1976 im Bundesfinale „Jugend trainiert für Olympia“ auf. Seidel gehörte zum siegreichen Team der Gustav-Heinemann-Schule Hofgeismar. Mit 12,56 Meter gewann er im Olympiastadion in Berlin als einer der jüngsten Athleten im Feld den Kugelstoß.

„Für mich als Rekordhalter ist es natürlich schön, dass der Rekord noch steht, aber für die Entwicklung der Disziplin ist es nicht sehr toll. Wenn man etwas an Leistung vollbringen will, darf man nicht nur davon träumen, sondern man muss einiges dafür tun. Ohne Schweiß kein Preis klingt simpel, ist aber wahr“, ist Seidels Ratschlag an potentielle Nachfolger.

Zur Leichtathletik gekommen ist Seidel auf Umwegen. „Mein Handballtrainer bei der TSG Hofgeismar, Karl-Heinz Nolte, hat mich zu den Crosslauf-Bezirksmeisterschaften 1975 in der Mordkammer in Helmarshausen angemeldet. Leider habe ich gewonnen, damit ging der ganze Zirkus los“, meint Seidel augenzwinkernd. „Parallel dazu zeigte ich gute Leistungen im Schulsport. Angefangen habe ich als Läufer. Über den Schlagballwurf habe ich dann zum Kugelstoßen und mit 14 Jahren zum Speer- und Diskuswurf gefunden.“

Die ersten allgemeinen Trainingseinheiten absolvierte Seidel bei Rudi Steinbrecher. „Mit 13 Jahren hat man mir dann einen älteren ASS-Schüler, Uwe Haberzettel, als Trainer zur Seite gestellt. Er hat mich bis zum achtzehnten Lebensjahr trainiert, auch in privaten Einheiten über das Vereins- und Schultraining hinaus.“

Haberzettel griff auch zu außergewöhnlichen Maßnahmen. „Ich musste an meinem vierzehnten Geburtstag, dem 1. Januar 1977, um neun Uhr zum Training an der ASS antreten. Uwe meinte, wer Hessenmeister werden will, muss mehr tun als andere“. Das Sondertraining zahlte sich voll aus. Zu den Hessischen Meisterschaften in Bensheim reiste Seidel nur mit einer Bestweite knapp über 13 Meter an. Am Wettkampftag steigerte er sich aber um eineinhalb Meter und holte überlegen den Titel. In seinem ersten Wettkampfstart im Speerwurf sicherte er sich auch gleich noch die Silbermedaille. „Die Weite vom Einwerfen hätte für den Sieg gereicht, aber fürs erste Mal war es trotzdem nicht schlecht“. Es folgten die Deutschen Schülermeisterschaften in Wolfsburg und hier trumpfte Seidel mit Platz drei im Speerwurf und als Vierter im Kugelstoß auf. „Kugelstoß und Speerwurf fanden parallel statt, so dass ich immer zwischen den Anlagen hin und herlaufen musste“, beschreibt Seidel die erschwerten Bedingungen. Da kam ihm die Kondition als ehemaliger Läufer zu Gute.

Eine bevorzugte Disziplin hatte Seidel nicht. „Ich habe alles gerne geworfen“. Auch bei seinen sportlichen Vorbildern steht Speerwerfer Klaus Wolfermann gleichberechtigt neben Handballer Jo Deckarm.

An das Training auf Landesebene hat Seidel nicht nur gute Erinnerungen. „Mit 13 Jahren war ich im Landeskader Mehrkampf bei Walter Pullmann, einem Schleifer vor dem Herrn. Nach einem verlängerten Trainingswochenende in Frankfurt war ich so kaputt, dass ich Rudi Steinbrecher am nächsten Montag mitgeteilt habe, dass ich nie wieder dahin fahre“. Mit 14 erfolgte der Wechsel in den Landeskader Speerwurf. „Ich dachte, ich wäre in einem Sanatorium, so gravierend waren die Unterschiede. Hier ging es nicht darum, die Athleten zu zerstören, sondern es wurde Wert auf sauberes Techniktraining gelegt“.

Die gute Technik setzte Seidel in Weite um. 1979 gewann er bei den Hessischen Meisterschaften in Felsberg mit 61,06 Metern den Titel in der männlichen Jugend B. Seidel steigerte sich am Tag der Meisterschaft um über sechs Meter und lag vier Meter vor seinem Konkurrenten Andreas Dümke.

Der letzte Wettkampf auf Bundesebene waren die Deutschen A-Jugendmeisterschaften in Frankfurt 1980. „Da bin ich leider kläglich eingegangen, mit 60 Metern war dort nichts zu bestellen. Das war auch kein Wunder, die tägliche Arbeit mit acht Stunden am Schraubstock hat ihre Spuren hinterlassen“.

„Meine Zeit im Leistungssport möchte ich nicht missen. Dadurch habe ich vieles gelernt. Nicht nur sportlich, sondern auch Sozialkompetenz, Durchhaltevermögen und den Blick für das Wesentliche.“ Das belegt auch Seidels Vita eindrucksvoll. „Ohne den Leistungssport hätte ich diesen Weg nicht gemacht und nicht geschafft“.

Auf Kreis- und Bezirksebene war Seidel noch länger aktiv und stellte mit Johannes Oppermann und Uwe Flotho 1983 den Kreisrekord in der Fünfkampf-Mannschaftswertung auf.

Heute ist nur noch moderater Sport möglich. „2001 musste ich einen schweren Herzinfarkt hinnehmen, da reicht es nur noch für Fahrradfahren und Gymnastik. Auch 27 Jahre Handball haben ihre Spuren hinterlassen.“ Ganz kann er die Leistungssportlermentalität aber nicht ablegen. „2017 bin ich zu Fuß über die Alpen gewandert, dieses Jahr will ich das mit einem E-Bike nochmal tun.“

Das aktuelle Leichtathletikgeschehen verfolgt er immer noch als interessierter Zuschauer, vornehmlich im Fernsehen, bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel 2016 auch live im Stadion.

 

Zur Person

Wolfgang Seidel (57) wurde in Korbach geboren und ist ab dem zehnten Lebensjahr in Hofgeismar aufgewachsen. Nach dem Hauptschulabschluss an der Gustav-Heinemann-Schule 1978 machte er bei AKG eine Lehre zum Werkzeugmacher. Er verpflichtet sich 1982 acht Jahre als Zeitsoldat (Oberfeldwebel) mit Spezialausbildung zum Feuerwerker des Heeres. Ab 1988 folgten eine Ausbildung zum Techniker Maschinenbau (1990), das Fachabitur Maschinenbau in Hofgeismar (1991) und der Abschluss des Maschinenbaustudiums in Kassel als Diplom-Ingenieur (1998). Seit 2001 arbeitet Seidel bei ZFL in Calden, zunächst in der Konstruktion von Hubschraubergetrieben und seit 2005 in der Planung und Durchführung von Reparaturen und Grundüberholungen an dynamischen Hubschrauberkomponenten. Er lebt in Grebenstein, ist ledig und hat keine Kinder.

Training

Seidel durchlief ein breit angelegtes Grundlagentraining, wie es bei der LG Reinhardswald üblich ist. „Es wurde immer darauf Acht gegeben, dass keine zu frühe Spezialisierung erfolgt. Auch als Werfer mussten Mehrkämpfe und Laufwettbewerbe absolviert werden. Läuferischer Höhepunkt für mich war die Teilnahme an den Deutschen Jugendmeisterschaften über 3x1000 Meter.“ Eine typische Trainingswoche bestand für Seidel aus zwei bis drei Leichtathletik- und zwei Handballtrainingseinheiten. Am Wochenende gab es Wettkämpfe oder ein Handballspiel.

Einlaufen, Gymnastik und Koordinationsübungen wurden in der Gruppe trainiert, das spezifische Training dann in der Einzelbetreuung. „Mein Trainer hat mich wenig im Kraftraum machen lassen. Das war für mich nicht sinnvoll, da durch das tägliche lange Stehen in der Lehre meine Beine zu stark vorbelastet waren. Dafür haben wir viel Kraftgymnastik mit Medizinbällen durchgeführt. Das hat einen oft an den Rand der Erschöpfung gebracht.“

Wolfgang Seidels Kreisrekorde

Männer

5-Kampf-Mannschaft (mit Johannes Oppermann und Uwe Flotho): 8870 Punkte, 25. September 1983, Felsberg

M17

Kugelstoß (6,25kg)*: 12,69 Meter, 12. September 1980, Oberursel
Speerwurf (800g)*: 58,36 Meter, 12. Juli 1980, Oberursel
5-Kampf-Mannschaft* (mit Manfred Hoffmann, Volker Pape, Volker Mazassek, Karl-Heinz Dörigmann): 14800 Punkte, 14. Oktober 1978

M16

Speerwurf (600g)*: 61,06 Meter, 08.09.1979, Felsberg

M15

Kugelstoß (5kg): 13,90 Meter, 13. September 1978, Hofgeismar
Speerwurf (600g)*: 58,18 Meter, 12. Juli 1978, Obersuhl

M14

Kugelstoß (4kg) 14,95 Meter, 11. September 1977, Wolfsburg
Speerwurf (600g)*: 53,74 Meter, 18. September 1977, Treysa

M13

Kugelstoß (4kg) 12,56 Meter, 24. September 1976, Berlin
Speerwurf (600g)*: 40,65 Meter, 01. Oktober 1976, Hofgeismar

*Seidel hat viele seiner Rekorde mit Geräten erreicht, die heute nicht mehr verwendet werden. Bei den Speeren wurde der Schwerpunkt verlagert, in der M17 das Kugelgewicht reduziert. Da die Leistungen dadurch nicht mehr direkt vergleichbar sind, gab es mit der Änderung jeweils auch neue Rekorde. Seidels Leistungen sind aber teilweise deutlich höher einzuschätzen als die mit den neuen Geräten erzielten.